EIN NEUES KAPITEL IN LEOGANG – mit Nino Schurter
Zwei Jahrzehnte lang gab es auf die Frage nach dem schnellsten Cross-Country-Mountainbiker der Welt meist nur eine Antwort: Nino Schurter. Zehn Weltmeistertitel. Neun Gesamtweltcupsiege. Olympiagold in Rio. 36 Weltcupsiege – ein Rekord, an den bislang niemand herangekommen ist. Jetzt schlägt der Schweizer ein neues Kapitel auf, in dem er Gravel-Rennen fährt und seine Erfahrung an die nächste Generation im Scott-SRAM Team weitergibt. Nach Leogang kommt Nino Schurter also nicht mehr, um Weltcuppunkte zu sammeln, sondern mit etwas, das im Spitzensport fast noch wertvoller ist: Perspektive. Und Leogang ist genau der richtige Ort dafür. Hier gewann er 2012 den Weltmeistertitel, während die Weltcuprennen auf dieser Strecke nur selten nach seinen Vorstellungen verliefen. Wir haben uns vor dem Rennen mit ihm unterhalten.
Du gehörst seit mehr als zwanzig Jahren zur Weltspitze und hast in dieser Zeit viele Konkurrenten kommen und gehen sehen. Was war für dich der wichtigste Grund, nicht nur dranzubleiben, sondern auch nach all den Jahren noch hochmotiviert zu sein?
Wahrscheinlich war es einfach die Liebe zum Sport, die mich so lange hat weitermachen lassen. Motivation und Einsatzbereitschaft waren für mich immer ganz selbstverständlich. Die meiste Zeit meiner Karriere hat es sich nie wie etwas angefühlt, das ich tun musste, sondern eher wie etwas, das ich tun durfte.
Du hast alles gewonnen, was es in diesem Sport zu gewinnen gibt. Heute sehen die Ziele ganz anders aus. Wie hältst du die Motivation hoch, wenn es nicht mehr um den nächsten Titel oder Rekord geht?
Ich genieße diese neue Phase meiner Karriere und probiere neue Dinge aus. Den XCO-Rennsport vermisse ich nicht, weil mein Rennkalender inzwischen mit vielen neuen Herausforderungen gefüllt ist. Jetzt kann ich mir genau die Events und Rennen aussuchen, die mir Spaß machen und für die in den letzten zwanzig Jahren einfach nie Zeit war.
Du hast hier 2012 den Weltmeistertitel geholt. Im Weltcup lief es in Leogang für dich dagegen nie ganz so rund. Welche Beziehung hast du zu diesem Ort?
In Leogang hatten wir nicht nur einmal schwierige Wetterbedingungen, und das liegt mir nicht unbedingt. Außerdem ist die Strecke ziemlich „oldschool“ – mit langen Anstiegen, auf denen ich meine Stärken nicht optimal ausspielen kann.
Du bist seit Jahrzehnten an der Spitze des Sports. Welchen Einfluss hat das Vertrauen ins Material auf deine Leistung – also das Gefühl, dass dein gesamtes Setup optimal abgestimmt ist? Welchen Unterschied macht eine präzise Passform im Cross-Country, wo jede Sekunde zählt, für dein Gefühl auf dem Bike?
Im Grunde hat sich nichts verändert. Ich möchte nach wie vor, dass alles bis ins kleinste Detail passt.
Sprechen wir über Schuhe. Wie fühlt sich für dich die perfekte Passform an, und wie schnell merkst du, wenn etwas nicht stimmt? Justierst du die BOA® Drehverschlüsse während eines Rennens immer wieder nach oder stellst du sie einmal ein und denkst nicht mehr daran?
Mit den BOA® Drehverschlüssen kann ich die Passform millimetergenau einstellen, sodass der Schuh optimal sitzt. Und ja, je nach Intensität und Bedingungen justiere ich während eines Rennens oder Trainings immer wieder nach.
Zwanzig Jahre lang warst du der prägende Athlet im Cross-Country, heute fährst du Gravel-Rennen. Was hat dich bei diesem Wechsel am meisten überrascht? Und gibt es etwas am Gravel-Sport, das du in zwei Jahrzehnten Cross-Country nie erlebt hast?
Es ist spannend, mit dem Gravelbike eine ganz andere Seite des Radsports zu erleben. Ich bin noch dabei herauszufinden, wie ich in dieser Disziplin das Beste aus mir herausholen kann, und genau das macht es so interessant. Aber es geht nicht nur um Gravel. Erst vor Kurzem habe ich das BC Bike Race auf Vancouver Island gewonnen, ein siebentägiges Mountainbike-Etappenrennen, das schon lange auf meiner Liste stand.
Dieses Jahr bist du in Leogang, um die Fahrerinnen und Fahrer von Scott-SRAM zu unterstützen. Was möchtest du ihnen vor allem mit auf den Weg geben? Und welche Dinge weißt du über den Rennsport auf diesem Niveau, die junge Athletinnen und Athleten erst mit der Zeit verstehen?
Gerade für die jüngeren Scott-SRAM Athletinnen und Athleten kann es einen Unterschied machen, wenn jemand mit Erfahrung vor Ort ist. Bei Materialentscheidungen oder der Linienwahl kann ich dem Team etwas mitgeben. Alle sind professionelle Sportlerinnen und Sportler, die ihre eigenen Entscheidungen treffen – ich halte mich im Hintergrund und unterstütze dort, wo ich gebraucht werde.
SCOTT MTB RC
